Ein Markt, der grösser ist als er wirkt
Ein Szenario, das wir regelmässig sehen: Ein Basler Industrieunternehmen bucht seit Jahren Temporärpersonal über dieselbe Agentur. 2024 kommt eine Anfrage für hochspezialisierte Projektmitarbeitende. Die Agentur liefert. Über eine Plattform. 5 Personen erscheinen, 3 davon passen zum Profil. 2 davon erscheinen überhaupt nicht. Die Agentur war nicht vorbereitet auf das, was der Markt 2024 und 2025 verlangt. Das Unternehmen auch nicht. Bei kyo sehen wir dieses Muster seit Jahren.
Das Staatssekretariat für Wirtschaft (seco) beziffert die Zahl der Temporärangestellten auf rund 330'000 Personen pro Jahr. Der Branchenumsatz liegt bei über CHF 5 Milliarden jährlich. Ein Marktsegment, das viele Auftraggeber noch immer als Notlösung behandeln, obwohl es längst Kernbestandteil moderner Personalstrategie ist. Der Markt verändert sich schnell. Die Trends, die 2025 entscheiden, sind nicht abstrakt. Sie betreffen direkt, wie gut du Personal bekommst, was es kostet und ob du bekommst, was du brauchst.
Laut seco-Daten 2024, Tendenz stabil bis leicht wachsend. Der Branchenumsatz übersteigt CHF 5 Milliarden.
Trend 1: Vom Hilfsarbeitsmarkt zum Spezialisten-Markt
Temporärarbeit war lange eine Domäne einfacher Tätigkeiten. Lagerarbeit, Reinigung, Verpackung. Das stimmt noch für einen Teil des Markts. Aber es verschiebt sich deutlich.
Der grösste Wachstumsbereich im Schweizer Temporärmarkt 2024 und 2025 sind spezialisierte Tätigkeiten. Qualifizierte Fachkräfte, die projektbasiert eingesetzt werden: IT-Spezialisten, Ingenieure, Gesundheitsfachpersonen, Event- und Kommunikationsprofis. Diese Verschiebung hat eine klare Ursache: Unternehmen können in diesen Bereichen keine Festangestellten finden. Also wählen sie Temporärlösungen als strategisches Instrument.
Saisonale Spitzen abdecken, Ausfälle überbrücken, Kosten variabilisieren. Personal war austauschbar und oft unqualifiziert.
Spezifische Fähigkeiten für bestimmte Projekte, Hochqualifizierte auf Zeit, markenrepräsentierende Rollen an Events und Messen. Personal ist ein Qualitätsfaktor.
Was das für dich als Auftraggeber bedeutet: Die Zeiten, in denen du eine temporäre Stelle als Standardanfrage behandeln konntest, sind vorbei. Für spezialisierte Rollen brauchst du ein klares Profil, ein gutes Briefing und eine Agentur, die die Nische wirklich kennt.
Trend 2: Digitale Plattformen vs. persönliche Agenturen
Digitale Matching-Plattformen für Temporärpersonal wachsen. Anbieter wie Coople, Staffcloud und ähnliche Lösungen ermöglichen Unternehmen, ohne traditionelle Agentur auf Kandidaten zuzugreifen. Das funktioniert für bestimmte Einsätze gut. Für andere nicht.
Digitale Plattformen lösen das Quantitätsproblem. Persönliche Agenturen lösen das Qualitätsproblem. Der Unterschied wird bei komplexen Einsätzen sofort sichtbar.
Wer 20 Lagerhelfer für eine Woche braucht und klare Anforderungen hat, kann das über eine Plattform abwickeln. Wer 5 Markenbotschafter für eine Produktpräsentation an der Swisstech sucht, die das Produkt verstehen, die Sprache der Besucher sprechen und die Marke authentisch vertreten, braucht eine Agentur, die ihre Kandidaten persönlich kennt.
Die Grenze liegt nicht bei der Einfachheit der Tätigkeit. Sie liegt bei der Qualitätsanforderung. Plattformen liefern Verfügbarkeit. Agenturen liefern Passgenauigkeit. Bei Events, Messen und Promotionen ist Passgenauigkeit keine Option. Sie ist der Kernwert.
Trend 3: Buchungsfenster werden kürzer und gleichzeitig kritischer
Hier liegt einer der grössten Widersprüche im aktuellen Markt. Einerseits wollen Auftraggeber kurzfristig buchen, oft erst 2 bis 3 Wochen vor dem Einsatz. Andererseits wird qualifiziertes Personal in Spitzenzeiten 6 bis 8 Wochen im Voraus gebucht.
Die Konsequenz: Wer zu spät bucht, bekommt nicht das beste Personal. Er bekommt, was noch übrig ist. Oder er bekommt gar nichts und muss kurzfristig umdisponieren.
In Hochsaison (Herbst- und Frühjahrsmessen) ist gutes Personal in der Schweiz deutlich früher ausgebucht als viele Auftraggeber erwarten.
Messesaison in der Schweiz konzentriert sich auf Frühjahr (März bis Mai) und Herbst (September bis November). In diesen Fenstern konkurrieren Hunderte von Ausstellern um dasselbe qualifizierte Personal. Boutique-Agenturen haben in dieser Situation klare Loyalitäten zu ihren Stammkunden. Wer regelmässig bucht und frühzeitig plant, bekommt Priorität.
Plant deine Messepräsenz ein halbes Jahr im Voraus und sprich mit der Agentur bereits zum Zeitpunkt der Messeregistrierung. Nicht vier Wochen davor. Gute Agenturen reservieren Kapazitäten für Stammkunden auf Anfrage, bevor die offizielle Buchungsphase beginnt.
Trend 4: GAV-Compliance wird geprüft
Der Gesamtarbeitsvertrag für den Personalverleih (GAV Personalverleih) ist in der Schweiz allgemein verbindlich. Er regelt Mindestlöhne, Sozialleistungen, Zulagen und Kündigungsfristen für alle Temporärangestellten. Das ist keine Neuigkeit. Neu ist, dass Auftraggeber zunehmend in die Pflicht genommen werden, die GAV-Compliance ihrer Dienstleister zu prüfen.
ESG-Anforderungen (Environmental, Social, Governance) treiben diesen Trend in grossen Unternehmen. Wer als Konzern oder börsenkotiertes Unternehmen seinen Lieferkettenstandards entsprechen muss, kann nicht gleichzeitig Personaldienstleister beauftragen, die Mindestlöhne nicht einhalten.
Liegt der angebotene Stundensatz einer Agentur deutlich unter dem Marktdurchschnitt, ist GAV-Compliance nahezu ausgeschlossen. Im Schweizer Eventbereich liegt ein realistischer Marktpreis für qualifiziertes Personal bei CHF 55 bis 80 pro Stunde inklusive Arbeitgeberanteile. Wer CHF 35 anbietet, spart irgendwo. Meistens am Lohn des Personals.
Was das bedeutet: Verlange von jeder Agentur eine schriftliche Bestätigung der GAV-Compliance und die Verleihbewilligung des Kantons. Das ist dein Recht als Auftraggeber. Und bei grossen Unternehmen zunehmend deine Pflicht.
Trend 5: Nachhaltigkeit im Staffing
Nachhaltigkeit in der Personaldienstleistung klingt abstrakt. Konkret bedeutet es folgendes: Faire Bezahlung, transparente Bedingungen, keine Ausbeutung von Temporärangestellten durch überlange Einsätze ohne angemessene Zulagen.
In der Schweiz ist das nicht nur eine ethische Frage. Es ist auch eine Qualitätsfrage. Temporärangestellte, die fair bezahlt und respektvoll behandelt werden, leisten besser. Sie erscheinen pünktlich, sind motiviert und kommen wieder. Das sind genau die Personen, die du für einen professionellen Event am Stand haben willst.
Boutique-Agenturen, die ihre Talentpools persönlich kennen und langfristig pflegen, sind hier im Vorteil. Sie haben Kandidaten, die mehrfach für gute Kunden eingesetzt wurden, die das Umfeld kennen und die Qualitätserwartungen verstehen. Diese Kontinuität entsteht nicht durch eine App. Sie entsteht durch Vertrauen und faire Behandlung.
Trend 6: KI in der Kandidatenselektion
Matching-Algorithmen werden in Personaldienstleistungsplattformen breiter eingesetzt. Die Versprechen sind gross: schnellere Besetzung, objektivere Auswahl, besserer Match zwischen Anforderung und Kandidat.
Die Realität ist differenzierter. KI kann grosse Datenmengen schnell durchsuchen. Sie kann Profile vergleichen und Keywords abgleichen. Was sie nicht kann: beurteilen, ob eine Person am Event gut rüberkommt. Ob ihre Ausstrahlung zur Marke passt. Ob sie in einem stressigen Moment besonnen bleibt.
Verfügbarkeit prüfen, Grundqualifikationen abgleichen, grosse Kandidatenpools filtern, Vorauswahl bei standardisierten Anforderungen treffen.
Softskills einschätzen, Markenpassen beurteilen, Zuverlässigkeit aus Erfahrung einschätzen, Kandidaten motivieren und binden.
Für Events, Messen und Promotionen bleibt das persönliche Kennen unverzichtbar. Eine Agentur, die nicht weiss, wen sie dir schickt, kann dir nicht garantieren, dass die Person zu deiner Marke passt.
Trend 7: Enge Arbeitsmärkte verändern die Machtverhältnisse
In vielen Qualifikationsbereichen dreht sich das Verhältnis um. Mehr offene Stellen als passende Kandidaten. Das gilt auch im Temporärmarkt. In Spitzenzeiten haben qualifizierte Temporärangestellte die Wahl. Sie arbeiten für Auftraggeber, die gut organisiert sind, fair bezahlen, und bei denen das Briefing stimmt.
Auftraggeber, die kurzfristig buchen, unklare Briefings liefern, Dresscodes zu spät kommunizieren oder das Personal als reines Werkzeug behandeln, haben zunehmend Schwierigkeiten, qualifizierte Personen zu finden. Die Agentur teilt solche Erfahrungen intern. Der Ruf als Auftraggeber zählt.
Boutique-Agenturen vs. Grossanbieter: Was wann sinnvoll ist
Rund 1'500 Personalverleiher haben in der Schweiz eine gültige Verleihbewilligung. Die Grossen, Adecco, Manpower, Randstad, dominieren das Volumen. Boutique-Agenturen decken Nischen ab. Die Frage ist nicht, wer besser ist. Die Frage ist, welche Lösung zu deinem Bedarf passt.
- Für Volumen bei standardisierten Tätigkeiten: Grossanbieter mit breitem Kandidatenpool
- Für spezialisierte Events, Messen, Promotionen: Boutique-Agentur mit persönlicher Kenntnis
- Für hybride Anforderungen: Kombination aus beidem, je nach Rolle und Einsatztyp
- Für langfristige Partnerschaft mit Qualitätsfokus: Boutique-Agentur, die den Kunden kennt
Boutique-Agenturen wie kyo haben einen strukturellen Vorteil in einem bestimmten Bereich: Sie kennen ihre Kandidaten persönlich. In einem engen Markt ist dieses Wissen der entscheidende Faktor. Eine Grossagentur hat 5'000 Kandidaten in der Datenbank. Eine Boutique-Agentur weiss, welche davon tatsächlich für eine Premium-Messe geeignet sind.
Was du als Auftraggeber 2025 konkret ändern musst
Die Trends sind klar. Was folgt daraus für dein Unternehmen?
- Frühzeitig planen: Messepersonal und Eventpersonal mindestens 6 Wochen im Voraus reservieren. In Hochsaison 8 Wochen.
- GAV-Compliance überprüfen: Von jeder Agentur schriftliche Bestätigung verlangen. Verleihbewilligung prüfen.
- Briefings professionalisieren: Kein Briefing, kein gutes Personal. Investiere 30 Minuten in ein strukturiertes Briefingdokument vor jedem Einsatz.
- Qualitätsstandards definieren: Was ist ein guter Einsatz? Welche KPIs misst du? Was rapportiert die Agentur nach dem Event?
- Partnerschaft statt Transaktionen: Stammkunden bekommen bei guten Agenturen Priorität. Wer nur sporadisch und kurzfristig bucht, bekommt Restkapazitäten.
Der Markt wächst. Die Qualitätsanforderungen steigen. Wer 2025 die richtigen Partnerschaften hat, ist 2027 im Vorteil.
Der Ausblick: Was 2027 anders aussieht
Plattformisierung wird weiter zunehmen. KI-Matching wird schneller werden. Aber die Nachfrage nach qualitativ hochwertigem, persönlich bekanntem Personal wächst im gleichen Takt. Der Markt teilt sich: Standardtätigkeiten gehen auf Plattformen. Spezialisierte Rollen mit Qualitätsanforderung bleiben bei Agenturen, die ihre Kandidaten kennen.
Gleichzeitig verschärfen Bund und Kantone die Kontrolle im Personalverleih. Agenturen ohne GAV-Compliance verlieren Bewilligungen. Das ist gut für den Markt. Und ein konkreter Vorteil für Auftraggeber, die heute schon auf Qualität setzen.
Qualifiziertes Temporärpersonal ist kein unbegrenztes Gut. In Hochsaison ist es knapp. Wer frühzeitig plant, fair bezahlt und klar brieft, bekommt die besten Profile. Wer die 7 Trends in diesem Artikel kennt und danach handelt, hat 2027 einen messbaren Vorsprung vor Mitbewerbern, die dasselbe Feld noch immer als Notlösung behandeln.
Quellen
- swissstaffing (2023): Jahresbericht & Branchenstatistik. swissstaffing.ch
- Statista: Statistiken zur Temporärarbeit in der Schweiz. statista.com
- SECO: Private Arbeitsvermittlung und Personalverleih. seco.admin.ch




