Was wirklich hinter dem Stundenansatz steckt
Ein Szenario, das wir bei kyo regelmässig sehen: Ein Unternehmen aus Bern holt 3 Offerten ein. Die günstigste ist CHF 28 pro Stunde, die teuerste CHF 44. Es nimmt die günstigste. Am Stand stehen am ersten Messetag Personen, die das Produkt nicht kennen, zwei sprechen die falsche Sprache und eine erscheint 1.5 Stunden zu spät. Die Agentur hatte keinen Backup. Die Rechnung war auf dem Angebot günstig. Die echte Rechnung kommt am Abend, wenn im CRM 8 statt 20 Leads stehen.
Wir legen die Kostenstruktur offen. Die echten Zahlen, die echten Margen, und die Frage, wo Billigangebote dich am Ende mehr kosten als gute Qualität.
Die vier Schichten des Stundenansatzes
Hinter dem Betrag, den du einer Agentur pro Stunde bezahlst, stecken immer dieselben vier Komponenten. Jede ist nachvollziehbar, keine ist wegzuverhandeln.
Schicht 1: Bruttolohn
Das ist der Lohn, den die eingesetzte Person für ihre Arbeit erhält. Er muss mindestens den GAV-Mindestlohn für die jeweilige Funktionsgruppe einhalten. Je nach Profil, Erfahrung und Marktlage liegt er deutlich darüber. Eine erfahrene Hostess mit Messeerfahrung und Sprachkenntnissen in drei Landessprachen wird mehr verdienen als jemand ohne Vorerfahrung. Realistische Bruttolöhne für Event- und Messepersonal im Schweizer Markt: CHF 20 bis CHF 35 pro Stunde, je nach Profil.
Schicht 2: Sozialleistungen und Nebenkosten
Auf den Bruttolohn kommen die gesetzlichen Pflichtbeiträge. Diese sind nicht verhandelbar.
- AHV/IV/EO-Beitrag (Arbeitgeberanteil): rund 5,3 Prozent
- ALV-Beitrag (Arbeitslosenversicherung): 1,1 Prozent
- SUVA BU/NBU (Berufs- und Nichtberufsunfallversicherung): je nach Branche 0,5 bis 2,5 Prozent
- Krankentaggeld-Versicherung: 0,5 bis 1,5 Prozent
- Pensionskasse (BVG): abhängig vom Lohn und Altersklasse, ab CHF 22'050 Jahreslohn
- Ferienentschädigung gemäss GAV: 8,33 Prozent (4 Wochen) oder 10,64 Prozent (5 Wochen)
Gesamthaft ergibt das einen Aufschlag von 25 bis 35 Prozent auf den Bruttolohn. Bei einem Bruttolohn von CHF 25 pro Stunde bedeutet das CHF 6 bis 8 an Sozialkosten, also Gesamtlohnkosten von CHF 31 bis 33 pro Stunde, bevor die Agentur einen Rappen verdient hat.
So viel kostet der Arbeitgeber zusätzlich zum Bruttolohn an AHV, ALV, SUVA, Krankentaggeld, BVG und Ferienentschädigung.
Schicht 3: Agenturmarge
Die Marge deckt Rekrutierung, Selektion, Verwaltung, Briefingaufwand, Koordination, Backup-Management, IT-Systeme und den allgemeinen Agenturbetrieb. Sie ist der einzige Teil des Stundenansatzes, über den verhandelt werden kann, und auch nur begrenzt. Typische Margen liegen zwischen 15 und 28 Prozent auf die Gesamtlohnkosten. Agenturen mit grossem eigenem Pool und effizienten Prozessen können tiefer gehen. Agenturen mit hohem Rekrutierungsaufwand und kleinem Pool brauchen mehr.
Schicht 4: Briefing und Koordinationsaufwand
Einige Agenturen verrechnen Briefingzeit separat. Andere integrieren sie in die Marge. Für einen einfachen Eintages-Event ist der Aufwand gering. Für eine viertägige Fachmesse mit Produktschulungen, Rollenspielen und schriftlichem Briefingmaterial kann er erheblich sein. Frag explizit danach, was im Preis inbegriffen ist und was separat verrechnet wird.
Marktpreise nach Profil: die Zahlen aus dem Schweizer Markt
Die folgenden Stundenansätze sind Orientierungsgrössen. Sie gelten für die Deutschschweiz und für seriöse, GAV-konforme Agenturen. In Zürich und Genf liegt man tendenziell am oberen Rand, in kleineren Städten eher in der Mitte.
CHF 28–34 pro Stunde. Einfache Hilfstätigkeiten, keine spezifischen Fachkenntnisse erforderlich. GAV Funktionsgruppe 1.
CHF 32–42 pro Stunde. Repräsentatives Auftreten, Sprachkenntnisse, Erfahrung im Kundenkontakt. GAV Funktionsgruppe 2.
CHF 36–48 pro Stunde. Produktkenntnisse, aktives Ansprechen, Verkaufsaffinität, oft mehrsprachig. GAV Funktionsgruppe 2–3.
CHF 48–65 pro Stunde. Führungserfahrung, Koordinationsverantwortung, direkte Ansprechperson vor Ort. GAV Funktionsgruppe 3–4.
Stundenansätze für gängige Profile bei GAV-konformen Agenturen. Von Empfangshost bis erfahrenem Supervisor.
Diese Preise gelten für Standardeinsätze. Zuschläge können anfallen für Sonntagsarbeit (in der Regel 25 bis 50 Prozent), Nachtarbeit nach 23 Uhr, Feiertage sowie für sehr kurzfristige Buchungen, bei denen die Agentur Mehraufwand bei der Besetzung hat.
Was "günstig" in der Praxis bedeutet
Angebote deutlich unter den genannten Spannen sind möglich. Es gibt dafür immer eine Erklärung, und keine davon ist erfreulich.
- Löhne unter GAV-Minimum: rechtlich problematisch, subsidiäres Haftungsrisiko für dich als Einsatzbetrieb
- Kein eigener Pool: die Agentur rekrutiert ad hoc oder kauft Personal bei Dritten zu, du weisst nicht, wen du bekommst
- Kein Briefing: Personal erscheint ohne Vorbereitung, kennt dein Produkt nicht und kostet dich Wirkung
- Kein Backup: bei Ausfall am Einsatztag steht dein Stand leer oder du musst intern kompensieren
- Keine AVG-Bewilligung: die Agentur operiert ausserhalb des gesetzlichen Rahmens
Ein Stundenansatz, der deutlich unter CHF 28 liegt, kann bei keinem seriösen Kalkulationsmodell die GAV-Mindestlöhne und die Pflicht-Sozialleistungen abdecken. Das ist keine Meinung, das ist Mathematik.
Die versteckten Kosten schlechter Qualität
Die echten Kosten von schlechtem Eventpersonal tauchen nicht auf der Rechnung auf. Sie erscheinen später, an anderen Stellen, und lassen sich schwerer zuordnen.
Verpasste Leads an der Messe
Stell dir eine Fachmesse mit 600 qualifizierten Besuchern vor. Gutes, gut gebrieftes Personal erreicht 35 bis 45 Prozent dieser Personen in einem echten Gespräch. Unvorbereitetes Personal schafft vielleicht 10 bis 15 Prozent. Wenn ein qualifizierter Lead für dein Unternehmen CHF 200 bis 500 wert ist, ist die Differenz schnell in fünfstelliger Höhe. Die Mehrkosten für ein gutes Team betragen einen Bruchteil davon.
Aus unserer Erfahrung führt gut gebrieftes Standpersonal ein Vielfaches an qualifizierten Gesprächen im Vergleich zu unvorbereitetem Personal. Der Unterschied ist direkt messbar in erfassten Leads.
Interner Mehraufwand
Wenn das externe Personal nicht liefert, füllst du die Lücken intern. Dein Produktmanager steht statt im Kundengespräch beim Eingang, weil die Hostess die Akkreditierungsregeln nicht kennt. Dein Vertriebsteam kompensiert fehlende Standbetreuer. Dieser Aufwand kostet und erscheint in keiner Rechnung der Personalagentur.
Imageschäden
Eventpersonal ist die erste Kontaktfläche mit deiner Marke. Wer bei der Begrüssung unsicher wirkt, deine Produkte nicht erklären kann oder im falschen Outfit auftaucht, sendet ein Signal. Dieser erste Eindruck sitzt. Er lässt sich nicht mit einer Entschuldigung in der Nachbearbeitung rückgängig machen.
Wo echte Einsparungen möglich sind
Es gibt Bereiche, in denen du Kosten senken kannst, ohne Qualität zu opfern.
Frühzeitig buchen
Wer 4 bis 6 Wochen im Voraus bucht, hat mehr Auswahl und vermeidet Kurzfristigkeitszuschläge. Letztere können 10 bis 20 Prozent betragen. Frühbuchung kostet nichts und spart messbar.
Briefingqualität erhöhen
Je besser das Briefing, desto weniger Zeit verliert das Personal am Einsatztag mit Nachfragen. Ein gutes schriftliches Briefing-Dokument, das du der Agentur eine Woche im Voraus lieferst, reduziert den Briefingaufwand der Agentur und damit potenziell die Koordinationskosten. Gleichzeitig steigt die Qualität. Das ist eine der wenigen echten Win-win-Massnahmen im Staffing-Business.
Rollenprofile schärfen
Überbezahltes Personal ist genauso uneffizient wie unterbezahltes. Wenn du für einen einfachen Akkreditierungsposten ein hochbezahltes Erfahrungsprofil buchst, zahlst du für Kompetenz, die nicht abgerufen wird. Definiere Rollen so präzise, dass das eingesetzte Profil genau auf die Anforderungen passt.
Kontinuität aufbauen
Agenturen, die deine Firma kennen, deine Produkte, deine Werte und dein typisches Publikum, brauchen weniger Einarbeitungsaufwand pro Einsatz. Wer mit derselben Agentur und denselben Personen über mehrere Events zusammenarbeitet, zahlt am Ende weniger für das gleiche Ergebnis. Der Aufbau einer stabilen Agenturbeziehung ist eine Investition mit messbarem Rücklauf.
Bitte deine Agentur, dir bei der nächsten Buchung ein "Long-Term-Team" zusammenzustellen: Personen, die du bereits kennst, die dein Unternehmen kennen und die du ohne langen Vorlauf buchen kannst. Das spart Briefingaufwand und gibt dir Verlässlichkeit.
Angebote richtig vergleichen: die richtigen Fragen
Wenn du Offerten von mehreren Agenturen einholst, ist der Stundenansatz der schlechteste Vergleichspunkt. Stelle stattdessen diese Fragen.
- Wie viele Stunden Briefing sind im Preis inbegriffen?
- Was kostet eine Ersatzperson bei Ausfall am Einsatztag?
- Gibt es Zuschläge für Sonntag, Abend oder Feiertage, und wie hoch sind diese?
- Werden An- und Abreisezeiten des Personals verrechnet?
- Welche Erfahrung hat die vorgeschlagene Person mit vergleichbaren Events?
- Welchen Mindestlohn bezahlt ihr dieser Person gemäss GAV-Funktionsgruppe?
- Ist das Briefing mündlich, schriftlich oder beides?
- Was ist im Preis enthalten, was wird separat verrechnet?
Ein transparentes Angebot beantwortet diese Fragen, ohne dass du zweimal fragen musst. Wenn du zweimal fragen musst, ist das bereits eine Information.
ROI-Perspektive: Was gutes Personal bringt
Personalkosten für Events sind keine Ausgaben, die du minimieren willst. Sie sind eine Investition in die Wirkung deines Auftritts. Ein gut bestellter Messestand mit schlechtem Personal generiert weniger Leads als ein bescheidener Stand mit hervorragendem Personal. Das ist keine Schätzung, das ist Messeerfahrung, die sich in Zahlen ausdrückt.
CHF 500 gespart beim Stundenansatz. CHF 3'000 weniger Lead-Wert, weil die Konversionsrate halbiert war. Die Mathematik ist einfach. Die Entscheidung sollte es auch sein.
Quellen
- swissstaffing (2023): Jahresbericht & Branchenstatistik. swissstaffing.ch
- GAV Personalverleih 2024–2027 (allgemeinverbindlich erklärt). swissstaffing.ch




